“Deutsches Serial” - gute Podcasts, miese Vermarktung
Wie gut, dass es Serial gibt, diesen Podcast-Mega-Erfolg aus den USA! So können Radiomacher immer etwas Großes, Erfolgreiches nennen, wenn sie nach Innovationen gefragt werden. Auch in Deutschland sind einige serial-artige Produktionen entstanden. Das Problem: Nur wenige kennen sie.
Über Radioformate sprechen heißt momentan auch: über Serial sprechen. Auf der Jahreskonferenz der Journalistenvereinigung netzwerk recherche trugen gleich zwei von vier Radio-Diskussionsrunden das große Vorbild im Namen: ”German Serial - die investigative Radio-Doku” und “Beyond Serial - die lange Hörfunk-Doku" (eine weitere Runde beschäftigte sich mit “Radio, das unterschätzte Medium“).
Tatsächlich hat die erste Staffel von Serial im Herbst 2014 viel Neues geschaffen. Eine reale Geschichte wurde Woche für Woche weitererzählt, ohne dass das Ende feststand. Mehr noch: Das Erzählen war sogar darauf angelegt, die Geschichte zu beeinflussen. Jede Woche mussten sich die Hörer fragen, was seit der letzten Folge alles passiert sein mag. Die Journalisten waren Teil der Erzählung, haben ihre Gedanken, Zweifel und Befürchtungen offengelegt. Nebenbei war es ihnen völlig egal, ob Telefon-Töne nicht die beste Qualität hatten, Mitschnitte von Tonbändern schlecht zu verstehen waren oder einige Gespräche im fahrenden Auto aufgenommen wurden. Inhalt geht bei Serial vor. Deshalb sind auch die einzelnen Folgen unterschiedlich lang.

Natürlich haben weltweit Sender und Netzwerke den Serial-Hype genutzt und das einzig Richtige getan: nachmachen. Auch in Deutschland haben sich eine Hand voll Teams ein Thema gesucht (meist einen Kriminalfall, wie das große Vorbild) und daraus eine Radio-Doku-Serie gemacht. Aber warum haben diese keinen Hype ausgelöst? Warum sind sie kaum bekannt? Eins vorneweg: An der Qualität liegt es nicht! Das Problem ist eher, dass man in Deutschland an der falschen Stelle mit dem Abgucken und Nachmachen beim US-Vorbild aufhört.
Sicher, Serial (Staffel 1) hat inhaltlich schon ziemlich viel richtig gemacht. Aber die Journalisten haben sich auch um drei weitere Dinge gekümmert: Reichweite, Vermarktung und Technik.
Serial ist größtenteils außerhalb von klassischen Radiostrukturen entwickelt worden (vielleicht muss man das heute, wenn man mal was anders machen will), als Ableger der extrem erfolgreichen wöchentlichen Sendung This American Life. Sie wird beim nicht-kommerziellen Sender WBEZ in Chicago produziert, aber von mehr als 500 Radiostationen in den USA ausgestrahlt. Der Podcast von This American Life gehört seit Langem zu den erfolgreichsten. Und natürlich wurde das neue Serien-Projekt der Kollegen dort erwähnt.
Außerdem gab es von Anfang an eine Facebook-Seite, einen Twitteraccount, später dann Experimente mit Vine, bedeutet: Fans konnten Serial in sozialen Netzwerken erwähnen, einbinden, den Podcast und seinen Namen weiter verbreiten. Serial hat außerdem eine aufgeräumte Website mit einer eindeutigen, leicht zu merkenden Adresse bekommen (www.serialpodcast.org). Dort können Nutzer die einzelnen Folgen mit wenigen Klicks anhören, herunterladen oder abonnieren. Fertig.
Fast nichts davon findet man in Deutschland. Sehr gut produzierte, spannende, emotionale Podcasts bekommen zwar eine Website, diese ist aber meist in komplizierten Portalstrukturen (wie etwa beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk) versteckt. Teaser auf der Homepage gibt es - wenn überhaupt - nur kurzzeitig. Das Abonnieren ist kompliziert. Auch die Journalisten oder andere Sendungen machen kaum Werbung dafür. Dabei ist das der Schlüssel zum Erfolg.
Noch ein Beispiel dafür? Als Serial selbst schon ein Download-Riese war, hat es den neuen NPR Podcast Invisibilia erwähnt. Die Folge war, dass Invisibilia für kurze Zeit sogar Serial von der Spitze der iTunes-Charts verdrängen konnte. Das kann niemanden wundern, denn natürlich war die Serial-Hörerschaft heiß auf neue Formate - wie Invisibilia.
Deshalb verstehe ich nicht, warum wir es in Deutschland mit den (Serien-)Podcasts nicht genau so machen. Die großen Netzwerke mit Reichweite sind da - sie heißen zum Beispiel WDR, RBB, NDR, ARD. Trotzdem kämpft jeder Podcast wieder von Neuem und ganz alleine um Bekanntheit und Reichweite. Und selbst wenn Hörer die Serie bei iTunes abonniert haben, passiert dort nach deren Ende nichts mehr. Ein Podcast-Friedhof!
#Radio-Panel bei #nr16 zeigt: Es gibt gute dt. #Serial-Produktionen, sie werden aber nicht gut vermarktet. Scheitert v.a. an Strukturen.
— Marc Krueger (@kollege)8. Juli 2016
Warum gibt es keinen Abo-Kanal für besondere Serien-Produktionen, ähnlich denen bei Hörspielen oder Features? Warum ist da keine kuratierte Abo-Liste oder App wie “NPR One”, die einen immer mal wieder mit solchen besonderen Inhalten konfrontiert, ohne dass man gezielt danach gesucht hat? Kann es wirklich sein, dass die Download-Charts bei iTunes auch 2016 noch der fast einzige Ort sind, um neue Podcasts zu entdecken?
Podcasts und vor allem aufwändige Serien-Podcasts müssen einen höheren Wert bekommen. Sie sind kein Abfallprodukt vom “richtigen” Radio. Sie sind ein eigenes Genre mit eigenen Ansätzen und Erzählformen. Und sie haben eine eigene Fangemeinde. Serial hat deutlich gemacht, wie groß und treu diese ist.
Es gibt gute Ansätze. Zum Beispiel hat sich - wie in den USA - ein Podcast-Netzwerk gegründet: Viertausendhertz. Ich möchte es besonders hervorheben, weil es vieles schon richtig macht und einen Anlaufpunkt für deutschsprachige Podcast-Fans bietet. Außerdem gibt es dort auch Serien-Produktionen wie “Nur ein Versuch” von Hendrik Efert. (Mehr zu Viertausendhertz gibt es hier und auf der Website).
Genug gemeckert. Es gibt sie ja, die guten Serien-Podcasts! Und weil sie so schwer zu finden sind, habe ich mal ein paar davon rausgesucht und empfehle sie hiermit. Alle. Ergänzungen sind herzlich willkommen!
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Mehr als ein Mord, Deutschlandradio Kultur
Im Januar 2015 wird in einer Plattenbausiedlung in Dresden Khaled Idris Bahray ermordet. Der 20-Jährige war wenige Monate zuvor als Asylbewerber aus Eritrea nach Deutschland gekommen. Jenni Roth sucht nach dem Todesfall nach Spuren und Antworten, fragt Freunde und Nachbarn, beleuchtet das deutsche Asylsystem und dessen konkrete und vermeintliche Auswirkungen. Und sie begleitet den Gerichtsprozess. Am Ende stellt Roth sich die Frage, ob die Sache damit eigentlich tatsächlich geklärt ist.
“Mehr als ein Mord”, acht Folgen, zwischen 5:30 und 9:30 Minuten
Infos, Download, Abo-Link, Pageflow
Täter unbekannt, NDR2
Im August 2000 verschwindet die 29-jährige Inka Köntges am hellichten Tag, mitten im Stadtwald von Hannover. Bis auf diese Tatsache ist in dem Fall bis heute so gut wie nichts eindeutig geklärt. Inka war auf dem Weg zur Arbeit, hatte kurz zuvor geheiratet, führte ein relativ geordnetes Leben. Thomas Ziegler und Anouk Schollähn sprechen mit Angehörigen, Freunden, Augenzeugen. Ein Gewaltverbrechen scheint genauso möglich wie ein plötzliches, freiwilliges Verschwinden. Aber warum hat in dem belebten Stadtwald kein Mensch Inka oder ihr Fahrrad gesehen?
“Täter unbekannt”, acht Folgen, jeweils etwa eine halbe Stunde
Infos, Download, Abo-Link, Pageflow
Wer hat Burak erschossen?, Kulturradio und radioeins (RBB)
Berlin-Neukölln im April 2012. Ein Mann zieht eine Waffe, schießt mehrfach auf eine Gruppe junger Männer. Der 21-jährige Burak Bektas stirbt später, zwei seiner Freunde überleben schwer verletzt. Der mysteriöse Mord wirft viele Fragen auf, vor allem die nach dem Motiv. Philip Meinhold macht sich auf die Suche nach Hinweisen und Antworten, geht auch der Frage nach, wie die Polizei in dem Fall ermittelt hat. Und er versucht nachzuvollziehen, was Buraks Tod mit seiner Familie gemacht hat.
“Wer hat Burak erschossen”, neun Folgen, zwischen 17:00 und 35:00 Minuten
Infos, Download, Abo-Link, Pageflow
Alles so normal - warum starben Elias und Mohamed?, Inforadio (RBB)
Der 33-jährige Silvio S. hat gestanden, die kleinen Jungen Mohamed (4) und Elias (6) getötet zu haben. Dass er es war, daran gibt es kaum einen Zweifel. Der Gerichtsprozess vor dem Landgericht Potsdam steht kurz vor dem Ende. Dörte Nath und Wolf Siebert wollen wissen, wie ein Mensch zum Kindermörder werden kann, was ihn antreibt - und wie er es geschafft hat, die beiden Jungen von öffentlichen Plätzen zu entführen. Außerdem fragen sie: Wie ist die Rolle der Medien in so einem sensiblen Fall - und handeln Journalisten korrekt?
“Alles so normal”, sechs Folgen (fünf sind fertig), ca. 15 Minuten
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Der Anhalter, WDR5
Zwei Journalisten erzählen sich dieselbe Geschichte. Beide haben sie erlebt, unabhängig voneinander. Am Kölner Verteilerkreisel nehmen sie einen Anhalter mit. Er erzählt ihnen, dass er auf dem Weg in die Schweiz ist um zu sterben. Krebs. Doch kann das alles so stimmen, wie es der Mann erzählt? Stephan Beuting und Sven Preger machen sich auf die Suche nach dem Anhalter. Sie finden ihn, seine Vergangenheit und ein Leben voller Fragen und Geschichten, seine Suche nach Gerechtigkeit, Kaffee und Zigaretten,
“Der Anhalter, fünf Folgen, jeweils etwa eine halbe Stunde
Infos, Download, Abo-Link (bei Tiefenblick), Pageflow
#kunstjagd
Vor fast 80 Jahren, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, verschwindet in München ein Gemälde aus dem Besitz einer jüdischen Familie. Die genauen Umstände sind unklar, fest steht aber: Das Bild eines relativ unbekannten Künstlers rettet Menschenleben. Auf der Suche nach dem verschollenen Gemälde geht es um Geschichte, Flucht, Ungerechtigkeit und - vielleicht - ein Wiedersehen. Das journalistische Startup “Follow the Money” dokumentiert in einer Podcast-Serie die Recherche und Suche nach dem Bild mit Kamera und Mikrofon.
“Die Kunstjagd”, sechs Folgen, ca. 06:30 bis 08:00 Minuten
Infos, Download, Abo-Link, Film (BR-Mediathek)
Außerdem läuft gerade in Großbritannien:
Untold - The Daniel Morgan Murder
Im Frühjahr 1987 wird der Detektiv Daniel Morgan auf einem dunklen Parkplatz im Südosten Londons brutal ermordet. Es ist einer der am meisten untersuchten Mordfälle der britischen Geschichte - und doch bis heute nicht aufgeklärt. Der Journalist Peter Jukes recherchiert den Fall seit vier Jahren und trägt nun alles in einer Podcast-Serie zusammen. Es geht um Polizeikorruption, seltsame Vorgänge und die Rolle der Medien. Ausgang: ungewiss.
“Untold”, zehn Folgen (sieben sind fertig), ca. 25:00 bis 34:00 Minuten
Infos, Download, Abo-Link (iTunes)
Und: NPR’s Invisibilia ist zwar kein klassisches Serial-Format, aber nicht minder spannend. Staffel eins war ein Erfolg, und inzwischen gibt es auch schon die zweite Staffel zum Download.